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Biografische Erzählung

Frau Zwirn wurde in einem Karlsruher Krankenhaus am 08.11.1924 geboren. An den Namen des Krankenhauses kann sich Frau Zwirn nicht mehr erinnern. Zu diesem Zeitpunkt lebte ihre Mutter in Karlsruhe bei ihren Eltern und war 23 Jahre alt. Der Vater studierte Landwirtschaft, da er einen eigenen Bauernhof besaß und ihn an seine Kinder vererben wollte. Nach Ende seines Studiums zog Frau Zwirn mit ihrer Mutter auf einen kleinen Teil des Bauernhof um, den ihr Opa ihren Eltern als Geschenk übergeben hatte. Geografisch gesehen, gehörte der Bauernhof zu der Stadt Dühren.

Frau X. wurde bis zu ihrem 3. Lebensjahr zuhause von ihrer Mutter aufgezogen. Ab dem 3. Lebensjahr ging Frau X. in den Kindergarten. Der Kindergarten war evangelisch geprägt und wahr ihrem zu Hause am nahsten. Dort befanden sie ca. 50 Kinder und eine Diakonissin, die die Aufsicht über die Kinder hatte.

Im Anschluss an den Kindergarten besuchte Frau X. die Grundschule in Dühren. In der Schule gehörte Frau X. zu den Klassenbesten, denn sie hatte viel Interesse am Lernen. Dieses Interesse und die Wichtigkeit der Bildung brachte ihr Großvater bei. Nachmittags verbrachte sie viel Zeit mit ihrem Opa. Er war ein stolzer Badener und gehörte zu der Zeit des ersten Weltkrieges zu den Grenadiere der Armee . „Er war stolz auf sein Land und gab Ehre dem, dem Ehre gebührt.“, erinnert sich Frau X.. Geschichte gehörte zu seinen Vorlieben. Daher erzählte er seiner Tochter viel über die deutsche Geschichte. Diese Einstellungen im Leben gab er auch an seine Enkelkindern weiter. Mit Freuden erinnert sich Frau X. an ihn und ist der Meinung, dass er ein gutes Vorbild für sie war.

Nach der vierten Klasse besuchte Frau X. eine Schule in Heidelberg. Dort verbracht sie weitere 4 Jahre. Frau X. fuhr jeden Tag alleine mit dem Zug in die Schule. Zur Sicherheit hängten ihre Eltern ihr öfters ein Schild mit der Wohnadresse um den Hals. Dies gefiel ihr gar nicht, denn sie fühlte sich selbstständig und dachte dass sie den Weg nach Hause auch alleine finden würde. Auch in dieser Schule war Frau X. gut im Unterricht. Aus dieser Zeit erinnert sich Frau X. an einen sehr prägenden Eindruck. Ein Lehrer fragte Frau X. wer das Deutschlandlied komponiert hatte. Doch Frau X. wusste die Antwort nicht. Sie erhielt eine Strafarbeit, in der sie den Satz: „Das Deutschlandlied wurde komponiert von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.“, 100 mal schreiben musste. Bis heute bleibt ihr dieser Name im Gedächtnis.

Nachdem Frau X. nun 12 Jahre alt war, entschlossen sich ihre Eltern nach Sinsheim umzuziehen. Der Vater verdiente gut und die Familie konnten sich ein Reihenhaus mieten. Das neue Haus gefiel Frau X. sehr gut, denn sie hatte viel Platz zu spielen in dem anliegenden Garten.

Ende der 8. Klasse, im Alter von14 Jahren, folgte das Pflichtjahr für Frau X. im sozialen Bereich. Dieses Pflichtjahr verbrachte Frau X. auf einem Bauernhof. Dort wurde sie als einfache Hilfe eingesetzt. Der Bauernhof lag 4 Kilometer von ihrem Wohnhaus entfernt. Ihre Tätigkeiten erstreckten sich von der Hausarbeit bis zum Garten. Nun verdiente Frau X. für jeden gearbeiteten Monat 5 Reichsmark.

Während ihres Pflichtjahrs zur sozialen Arbeit war Frau X. sehr eingebunden in die Hitlerjugend. Sie war zuständig für die Zubereitung des Essens und für die Verteilung an die Soldaten in der Kaserne. Sie hatte Anwesenheitspflicht auf Veranstaltungen und Versammlungen der Hitlerjugend. Als Mädchengruppe mussten sie im Chor mitsingen. Dies gefiel ihr aber auch sehr gut. Störend fand sie jedoch die ständige Aufsicht der so genanten „Aufseher“, die zu den SS-Wachmännern gehörten.

Im Alter von 14 Jahren musste Frau X. sich von ihrem Vater verabschieden. Auch seine Zeit war gekommen in den Krieg zu ziehen. Bisher hatte er den Vorteil gehabt, dass er Landwirt war. Nun aber, konnten keine Rücksicht mehr darauf genommen werden. Jede männliche Person die eine Waffe tragen konnte, musste antreten. Es fiel Frau X. sehr schwer Abschied von ihrem Vater zu nehmen, denn sie verstand die Gefahr und machte sich Sorgen um ihn.

Nach einiger Zeit wurde sie auf einen anderen Bauernhof eingesetzt. Die dort lebende Familie bestand aus fünf Kindern und der Mutter. Der Vater befand sich ebenfalls im Krieg. Zusätzlich lebte eine Familie, aus einer nördlichen Großstadt welche bombardiert worden war, vorübergehend im Haus. Diese bestand aus 2 Mädchen und der Mutter. Frau X. arbeitete hier als Koch- und Haushaltshilfe. Abends war Frau Zwirn immer ganz erschöpft. Dennoch war sie glücklich helfen zu könne und war zufrieden obwohl sie jeden Tag vier Kilometer zu ihrer Arbeitsstätte gehen musste. Dies war Ihr Pflichtjahr.

Noch vor Ende ihres Pflichtjahres, wurde Sie gebeten einer Familie mit Kindern deutsch beizubringen. Diese Familie war aus Bessarabien ausgewandert und war dann nach Polen verfrachtet worden. Frau X. musste nach Polen umziehen. Es war gefährlich sich Abends dort alleine auf den Straßen zu bewegen. Während ihres dortigen Aufenthalts lebte Sie mit vielen anderen Mädchen zusammen in einem Wohnheim .

Mitte dem 14. Lebensjahr von Frau X., erkrankte ein Mädchen aus ihrer Gruppe sehr. Sie bekam hohes Fieber.  Es war spät abends und keiner außer Frau X. getraute sich nach draußen um den Arzt zu holen. Sie war mutig genug und fuhr mit ihrem Fahrrad zum Arzt . Dabei hatte sie große Angst, sie fühlte sich von überall her beobachtet. Sie erreichte ihr Ziel und der Arzt kam.
Das Wohnheim stand unter der ständigen  Beobachtung und Kontrolle der Aufsehern Hitlers. Niemand durfte sich über Hitler oder die Arbeit beschweren.

An ihrem 15. Geburtstag wurde Frau X. in den Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. Vom Reichsarbeitsdienst wurde sie in einem Schloss eingesetzt um eine Grundausbildung zu machen. Die Ausbildung beinhaltete die Grundaufgaben einer Hausfrau. Dazu gehörte der Unterricht im Waschen, Kochen, Melken von Kühen, Putzen und sogar das Fällen und Sägen von Bäumen im Wald . Frau Zwirn war in einer Gruppe von 40 Mädchen. Sie hatten ihre kleinen Zimmer unter dem Dach eines Turmes. Die Zimmer waren kalt und hatten eiserne Stegbetten. Der Weg zu den Zimmern war gefährlich, da die Treppe aus morschen Holzbrettern bestand. Ein Aufseher war über die Mädchen gestellt. Die Gruppenkameradinnen waren teilweise auf Bauernhöfen in der umliegenden Gegend eingesetzt.

Nach 2 Jahren endete der Reichsarbeitsdienst für Frau X.. Mittlerweile war sie 17 Jahre alt. Sie bekam die Möglichkeit auf eine Landfrauenschule in Monau zu gehen. Frau X. ergriff diese Chance und fing die Ausbildung zur Hauswirtschaftlerin an. So besuchte sie, zusammen mit 100 weiteren jungen Frauen, zwei Jahre lang die Landfrauenschule. Dann absolvierte sie ihr Staatsexamen zur ausgebildeten Hauswirtschaftlerin. Anschließend erhielt Frau X. ein Stellen-Angebot vom Reichsarbeitsdienst. Es war eine Arbeit in einem RAD Lagergebäude als Hauswirtschaftlerin. Frau X. nahm an und begann Ihre neue Arbeitsstelle. Ihre Zuständigkeit lag im Küchendienst und in der Raumreinigung. Gelegentlich wurde Sie zusätzlich zum Strohdreschen eingesetzt.

Bei einer Veranstaltung der SS, beobachtete Frau X. das Marschieren der jungen Männer. Einen besonderen Blick warf sie auf den jungen Mann, der als erster voranging und die Naziflagge hochhielt. „Er gefiel mir, denn er hatte schöne Beine.“, sagte Frau X.. Am Ende des Marsches, als der junge Mann auf dem Heimweg war, sprach Frau X. ihn an und sie kamen ins Gespräch. Sie verstanden sich sehr gut und tauschten ihre Adressen aus. Im Verlauf der nächsten Jahre schrieben Frau X. und der junge Mann sich gegenseitig Briefe.

Nach wenigen Monaten musste Frau X. damit aufhören, denn der Krieg war am Höhepunkt angekommen. Alle arbeitsfähige Personen, sollten nun für den Kriegsdienst eingesetzt werden. Frau X. sollte auch in eine Munitionsfabrik, doch sie weigerte sich. Es war allen bekannt, dass die Munitionsfabriken oft von britischen Jägern bombardiert wurden. Außerdem konnte Frau X. mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, Munition herzustellen die andere Menschen töten würde. Somit kam Frau X. in die Fliegerabwehr im Norden Deutschlands. Sie hatte die Aufsicht über eine kleine Gruppe von Frauen. Ihre Aufgaben bestanden aus, der Überwachung und Frühwarnung vor feindlichen Fliegerangriffen und bei Nebel das Verweisen der eigenen Flugzeuge auf die nahe liegende Landebahn. Als Arbeitshilfen hatten die Frauen große Scheinwerfer und große befestigte Hörgeräte. Frau X. kann sich gut daran erinnern, dass es immer kalt war und alle Frauen immer Angst hatten. Geplant war, dass sich die Frauen im Stundentakt abwechselten und immer alleine auf dem Beobachtungsstand waren. Doch Aufgrund vieler Beschwerden ihrer Gruppe, ordnete Frau X. die Zweierbesetzung an. Als der Offizier davon erfuhr, erhielt Frau X. deswegen einen Eintrag in ihren Pass: „Politisch nicht engagiert.“. Ziel des Eintrags war es sie zu bestrafen. Doch Frau X. machte es nichts aus, denn ihre Kameradinnen waren ihr wichtiger als Einträge im Pass.

Eines Tages schaute Frau X. durch ihr Fernrohr um nach Feindlichen Flugzeugen Ausschau zu halten. Nebenbei bewunderte sie die Landschaft in der Gegend und die aufgehenden, schönen Blumen. Kurze Zeit später hörte Frau X. ein Propellergeräusch. Frau X. suchte rasch nach den feindlichen Flieger am Himmel. Plötzlich entdeckte sie einen Tiefflieger, der genau in die Richtung des Grabens flog, im dem sie sich befand. Doch Frau X. hoffte, dass er nur vorbeifliegen und nicht bombardieren würde. Leider war es nicht so. Denn der Flieger hatte genau diesen Graben als sein Ziel. Er lies seine Bomben fallen die aber den Graben nur indirekt trafen. Es traf keine von den Streubomben direkt den Graben sondern das umliegende Gelände. Der Graben mit den Mauern und sonstigen Befestigungen stürzte ein. Die fallenden Steine trafen Frau X. und schlugen sie bewusstlos. Frau X. fiel zu Boden.

Die klare und verständig erzählende Stimme wurde nun zu Seufzen. „Ich habe sie alle gesehen. Alle die ich kannte. Alle waren dort. Sie waren bei mir, ich hab sie gesehen.“, erzählt Frau X. mit Tränen gefüllten Augen. „Meine Mutter.“, sagte Frau X. weiter und stoppte für wenige Sekunden. Die Tränen flossen entlang der Nase bis zum Mund. „Ich habe sie gespürt. Sie war da. Sie hat mich mit ihren Händen berührt und ich konnte sie spüren.“, setzte Frau X. weiter fort. Sie stoppte wieder für einen Moment um ihr Weinen zu unterdrücken. Mit neuer Kraft fuhr sie weiter fort: „Es war eine himmlische Macht“. Danach brach Frau X. in Tränen aus und konnte nicht mehr weiterreden. Sie weinte, mit dem Gedanken daran, dass sie eine zweite Chance für ihr Leben erhalten hatte.

Sie lag mitten drin, zwischen den Trümmern begraben. Doch glücklicherweise wurde sie von dem auf ihr liegenden Steinen nicht zerquetscht. Männer und Frauen eilten ihr schnell zur Hilfe und entfernet die Steine. Frau X. wurde ins Lazarett gebracht, wo sie einige Tage zur Überwachung verbrachte. Es war wie ein Wunder, sie hatte keine Knochenbrüche sondern nur Platzwunden erlitten. Später erfuhr sie über die Erzählungen der Mitarbeiter, dass sie lange Zeit bewusstlos gewesen war. Sie selbst erlebte es, wie einen kurzen Augenblick.

Im Mai erhielt Frau X. die Nachricht, dass sie von ihrem Dienst befreit sei und nach hause gehen könne. Es folgte der Heimweg nach Sinsheim. Frau X. wurde von einer Frau, die im Saarland lebt, begleitet. Über eine Woche war Frau X. teilweise zu Fuß und teils mit dem Zug unterwegs, bis sie zuhause ankam. Sie fragten überall an den Häusern nach Essen oder nach Obhut für eine Nacht. Die überwiegende Zeit aber verbrachte Frau X. mit ihrer Begleiterin an Bahnhöfen wo sie auch übernachteten. Nach der Niederlage Deutschlands wollte Frau X. nur noch zu ihrer Familie.

Nachdem Frau X. in Sinsheim angekommen war und ihre Familie traf, war sie sehr glücklich trotz der Niederlage Deutschlands. Ihre Familie war unversehrt. Nur der Vater fehlte. Später erfuhr die Familie, dass der Vater nach Sibirien als Kriegsgefangener verschleppt worden war. Eine Hoffnung auf ein Wiedersehen bestand vorerst nicht. Auch ihre jüngere Schwester, die in einem Konzentrationslager gearbeitet hatte, kam nach Hause. Frau X. nahm wieder schriftlichen Kontakt zu ihrem Freund auf.

Wenige Wochen später besetzten die Amerikaner Sinsheim. Frau X. und ihre Familie hatten wenig Glück, denn sie mussten ihr Haus räumen. Es wurden Quartiere für die amerikanischen Offiziere in dem Haus eingerichtet. Nachdem die Amerikaner herausfanden, dass ihre Schwester Englisch konnte, musste sie als Dolmetscherin für sie arbeiten. Später fungierte sie auch als Schreiberin Ihre Mutter musste in ihrem eigenen Haus für die Amerikaner arbeiten. Ihre tägliche Arbeit bestand vom Hausputz bis zum Waschen und Bügeln der Kleidung der Amerikaner. Während dieser Zeit hatte auch Frau X. Anwesenheitspflicht und half ihrer Mutter.

Wochen später begann die Entnazifizierung Deutschlands. Frau X. hat eine Vorladung zur Entnazifizierungsstelle erhalten. Sie ging hin und trug ihren Lebenslauf vor. Zusätzlich musste sie vorlegen, dass sie kein Parteimitglied der NSDAP war. Dies war leider nicht möglich, denn ihr Vater war Mitglied. Doch Frau X. hatte wieder Glück. Eine Bekannte setzte sich für sie ein und legte ein „gutes Wort“ für sie ein. Somit wurde Frau X. von der Zugehörigkeit der Nazis freigesprochen. Daraufhin boten die Amerikaner Frau X. eine Stelle, in einer Aufnahmestelle für Hilfsbedürftige, an. Dort arbeitete Frau X. 18 Monate im Jahre 1947 und 1948. Danach endete ihr Dienst in der Aufnahmestelle. Frau X. wurde vorerst arbeitslos. Sie versuchte eine Arbeitsstelle als Hauswirtschaftlerin zu bekommen, doch dies war vergeblich. Ihr Qualifikationen und das Examen wurde beim Landwirtschaftsamt nicht mehr anerkannt. Frau X. erhielt vom Vorsitzenden das Angebot ihre Qualifikationen aufzufrischen. Doch dafür musste sie wieder 12 Monate auf eine Bauernhof arbeiten. Frau X. blieb keine andere Wahl. Sie willigte ein.

Am Ende ihres Praktikums hatte Frau X. die erforderlichen Qualifikationen. Doch sie wollte nicht mehr als Hauswirtschaftlerin arbeiten. Sie suchte nach anderen Wegen und Möglichkeiten. Frau X. interessierte sich sehr für die Pädagogik. Deswegen entschloss sie sich ein Pädagogikstudium für den hauswirtschaftlichen Bereich an der Universität in Freiburg zu absolvieren. Sie bewarb sich und wurde genommen. Während dieser Zeit traf sich Frau X. öfters mit ihrem Freund.

Im Verlauf des Studiums machte einer ihrer Bekannten eine eigene Anwaltskanzlei auf. Die Kanzlei wuchs schnell und es wurde Ausgebildetes Fachpersonal gebraucht. Der Bekannte bot Frau X. eine Ausbildung als Anwaltgehilfin an und sie überredete sie anzunehmen. Frau X. willigte mit Freuden ein und brach ihr Studium ab. Die Ausbildung erstreckte sich über 4 Jahre. Frau X. begann die Ausbildung im Alter von 27 Jahren. In dieser Zeit lebte Frau X. bei ihren Eltern. Sie verdiente anfangs 200 DM. Ihr Leben begann sich ins Positive zu verändern. Sie war zufrieden mit der Ausbildung, denn sie verstand sich gut mit ihrem Arbeitgeber. Ihr Freund stand ihr immer zur Seite. Die Freizeit konnte Frau X. nun auch genießen. Sie fuhr mit ihrem Freund und den Freunden öfters am Wochenende nach Heidelberg um auf dem Neckar Paddelboot zu fahren. An Werktagen spielte sie gern Fußball und trieb Sport. Frau X. war sportlich sehr aktiv, denn sie achtete sehr auf ihre Figur. An einem Tag in der Woche, genannt der Frauenschwimmtag, ging Frau X. gerne zum Schwimmen um sich zu entspannen.

Ihr Freund studierte Jura, daher war eine Heirat aufgrund Geldmangel noch nicht möglich. 1957 beendete ihr Freund das Studium und erhielt schnell eine Anstellung als Referendar beim Sinsheimer Amtsgericht. Frau X. hatte vor der Heirat währen ihrer Tätigkeit als Rechtsanwaltsfachgehilfin 3 Fehlgeburten die, laut dem Arzt, auf hohe Arbeitsbelastung zurückführten. Im Herbst 1959 heiratete Frau X. und ihr Verlobter in Sinsheim. Um Kinder zu bekommen zu können, kündigte Frau X. auf Anraten des Arztes ihre Stelle als Rechtsanwaltsgehilfin. Danach arbeitete Sie nebenbei, bei ihrem Schwiegervater, unentgeltlich im Laden. Dadurch wurde sie nicht überfordert und es machte ihr Spaß zu helfen. Im Jahre 1960 brachte Frau X. ihr erstes gesundes Kind zur Welt. Die Freude war groß. Frau X. stellte von nun an ihre Nebenbeschäftigungen vorerst ein, und kümmerte sich um die Kindeserziehung und den Haushalt.

Bei einem Ausflug zum Schloss im Sommer , lernte Frau X. zufällig eine Frau kennen, die sich mit Basteleien beschäftigt und im der Nähe von Sinsheim wohnte. Sie blieben in Kontakt durch ihr nun gemeinsames Interesse „Das Basteln.“ Die beiden Frauen kamen auf die Idee ihre Bastelarbeiten auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen. Diese Idee motivierte auch die Freundinnen, beider Frauen, mitzumachen. So entstand eine größere Gruppe. Mit dem vorgesteckten Ziel, dem Verkauf auf dem Weihnachtsmarkt, starteten die jungen Frauen ihre Arbeit. In ihrem ersten Jahr, erwirtschaftete die Gruppe einen Betrag von über 15.000 DM. Diese Summe überwältige sie alle. Doch die Frauen waren sich einig. Sie wollten das Geld nicht in die eigene Tasche stecken, sondern es für einen gemeinnützigen Zweck verwenden.

Frau X. tat es Leid, wenn sie sah, dass so manche Frauen mit behinderten Kindern, sehr schweren Umständen bezüglich der schweren Erziehung und der Versorgung ihrer Kinder ausgesetzt waren. Viele von ihnen besaßen keine Männer mehr, weil sie entweder im Krieg starben, in Gefangenschaft geraten waren oder aufgrund des behinderten Kindes ihre Frauen einfach verlassen hatten. Sie schlug ihrer Bastel-Gruppe vor, sich für die behinderten Kinder einzusetzen. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.  Vorerst gründeten Frau X. und die Gruppe eine Sprechstunde, bei der Frauen ihre behinderten Kinder abgeben konnten um besondere tägliche Notwendigkeiten, wie zum Beispiel Einkaufen oder zu Arzt gehen, zu verrichten. Es lief gut an.
Viele Frauen kamen und gaben ihre Kinder für ein paar Stunden ab. Frau X. und die Gruppe wechselten sich mit der Aufsicht ab.

Nach einiger Zeit merkten sie, dass sie immer noch genügend Geld hatten, um auch ein größeres Projekt durchzuführen. Sie kamen auf  die Idee, aus der Einzelbetreuung einen Kindergarten für behinderte Kinder aufzumachen. Nun stellte sich aber die Frage, woher sie einen Kindergarten bekommen könnten. Mit Fleiß forschten Frau X. und ihr Team in der Umgebung nach einem freien Kindergarten. Sie hörten, dass ein katholischer Kindergarten in Sinsheim leer stehen würde. Frau X. erkundigte sich und fragte bei der katholischen Kirche nach. Tatsächlich, der Kindergarten war frei. Ohne zu Zögern erklärte Frau X. dem Obersten, welchen Zweck sie mit der Mietung des Kindergartens erreichen wollten und welche Ziele sie damit verfolgten. Der Oberste sah ihren Fleiß und erlaubte Frau X. den Kindergarten unentgeltlich zu nutzen. Das war ein unglaublicher Fortschritt für Frau X. und das Team. Allerdings fehlte ihnen jetzt noch eine Betreuerin. Daher schrieben Sie ein Stellenangebot über die Suche nach einer Erzieherin mit einer zusätzlichen Qualifikation für den Umgang mit behinderten Kindern, aus. Kurze Zeit später meldete sich eine Frau. Nach einem kurzen Gespräch war allen klar, dass diese Frau die passende Kandidatin  war. Im Folgemonat wurde sie eingestellt. Damit sich der Kindergarten füllte und nicht sinnlos herumstand, erzählte Frau X. und Team den Frauen die täglich ihre behinderten Kinder bei ihnen abgaben von der neuen Perspektive. Nach kürzester Zeit war der Kindergarten vollkommen ausgelastet. Alle 30 Plätze waren belegt. Damit die Erzieherin nicht überfordert war, arbeiteten Frau X. und das Team tatkräftig mit.

Die Verwaltung des Kindergartens gelang dem Team, indem sie ihre Männer in ihr Projekt mit eingespannten. Der Ehemann von Frau X. übernahm die Juristischen Angelegenheiten, sowie die ganzen Formalitäten. Ein pensionierter Sparkassendirektor übernahm die finanzielle Verwaltung.

Um ihre Erfolge auf dem Weihnachtsmarkt noch effizienter zu gestalten, fing das Frauenteam an, Stoffreste bei Firmen einzusammeln um Stofftiere nähen zu können. Watte sammelten sie aus Resten der Bettenfabrik. Nachdem so viele Stofftiere genäht waren das der Lagerplatz nicht ausreichte, beschloss die Bastel-/ Näh- Frauengruppe nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen, sondern auch auf dem Flohmarkt. Um eine Abwechslung zu schaffen, boten Frau X. mit ihren Freundinnen auf dem Flohmarkt auch noch Kaffee und Kuchen an. Hiermit erwirtschafteten sie ebenfalls viel Geld. Das Geld, was sie meinten nicht zu brauchen, spendeten sie an das Werk „Lebenshilfe“.

Nach dem guten Start und den ersichtlichen Erfolg des Teams, wollte Frau X. weitere Mitglieder werben. Bei einer Veranstaltung des Rathauses in Sinsheim, wurde sie und ihre Freundinnen für ihr gemeinnütziges Handeln gelobt. Frau X. hielt eine Rede. Diesen Moment nutzte sie um auch anderen zur Mithilfe zu motivieren. Einige kamen und halfen mit.

Nicht nur im Projekt ging es aufwärts, sondern auch im Berufsleben ihres Mannes. Er wurde befördert und verdiente gutes Geld. Daher entschlossen sich Frau X. und ihr Mann sich eine eigene Wohnung zu kaufen. Nach längerer Suche fand das Ehepaar eine zentral gelegene Wohnung, in der Nähe einer Kirche. Nach Begutachtung der Wohnung, kaufen sie die Wohnung. Die Kirche war ein wichtiger Bezugspunkt im Leben von Frau X.. Sie besuchte regelmäßig die Sonntagskirche und sang gerne im Chor mit.

Die am Anfang aufgenommenen jungen behinderten Kinder wurden stets älter. Auch sie sollten die Möglichkeit einer Ausbildung erhalten. Frau X. ihre Freundinnen setzten sich das Ziel, eine Werkstatt aufzubauen um den jungen Erwachsenen eine Ausbildung gewährleisten zu können. Dafür fand sich der Staat als Sponsor und übergab der Gruppe eine große Halle. Diese Halle wurde entsprechend umgebaut und eine Werkstatt entstand. Durch die Kooperation mit dem Land gelang es dem Team eine Schreinerausbildung in der Werkstatt anzubieten.

In der Werkstatt konnte die Kinder basteln und ihre Kreativität entfalten. Die hergestellten Produkte wurden dann wiederum auf dem Weihnachtsmarkt oder Flohmarkt verkauft und ein Teil an die Kinder als Belohnung ausgeschüttet. Besondere interessante und kreative Werke kamen auf Ausstellungen und motivierte die Kinder und Jugendliche zusätzlich. Diese zusätzliche Einnahmen kamen wiederum den Kindern zugute, indem das Geld in Ausflüge investiert wurde.

Einer Auflage des Gesetzgebers nach, mussten die behinderten Kinder sterilisiert werden. Doch Frau X. konnte sich mit den Gedanken nicht anfreunden. Sie vertrat die Meinung, dass dies nicht in der Entscheidung des Staates sondern der Eltern lag. Sie ging mit ihrem Ehemann gerichtlich dagegen vor. Erfolgreich setzte das Ehepaar durch, dass die Sterilisation der Kinder aufgehoben wurde.

Ihr Ziel war es, den behinderten Jugendlichen die gleichen Chancen zu bieten, wie die gesunden Jugendlichen es auch hatten. Als nächstes Projekt wollte Frau X. in Zusammenarbeit mit ihrem Team ein Wohnheim für die behinderten Jugendlichen bauen. Sie sparten das notwendige Geld und kauften ein Grundstück. Ihr Ehemann, bei dem zu diesem Zeitpunkt Nierekrebs diagnostiziert wurde, sah dies als sein letztes Lebenswerk. Er übernahm die Leitung dieses Bau´s und verwaltete den Ablauf. Nach 2 Jahren war das Wohnheim fertig und die Jugendlichen konnten die Zimmer beziehen. Im Wohnheim befand sich auch eine Gemeinschaftsküche mit einer Köchin.

Da der Ehemann nach der Diagnose des Nierenkrebs nicht wollte, dass seine Frau ihm den Rest ihres Leben nachtrauerte, riet er ihr sich im Stadtrat aufstellen zu lassen. Frau X. folgte seinem Wort und lies sich aufstellen. Bei der ersten Wahl wurde sie gewählt. Anfangs hatte sie es schwer, sich als Frau in einem überwiegend von Männern bestehenden Rat durchzusetzen. Doch sie gab nicht auf und wurde doch noch akzeptiert.

Mit 59 Jahren starb ihr Ehemann. Frau X. war zu diesem Zeitpunkt 61 Jahre alt. Es fiel ihr sehr schwer ihrem Ehemann gehen zu lassen, doch sie folgte seinem Rat und lenkte sich durch ihre Nebenaufgaben ab. Im Verlauf tat Frau X. immer weniger. Sie verbrachte ihre überwiegende Zeit nun eher zuhause als mit dem Team.

Mit dem 65 Lebensjahr stieg Frau X. aus dem Team aus und kurz danach wurde dieses Team und der Behindertenkindergarten aufgelöst, da sich keine Jungen Leute für diese Tätigkeiten engagieren wollten. Das Behindertenwohnheim und die Werkstätte hatten aber weiterhin Bestand. Wenige Zeit später erhielten Frau X. und ihr Team eine Einladung vom Ministerpräsident nach Berlin. Frau X. und ihr Team fuhren hin. Es war eine Ehrung für ehrenamtlichen und gemeinnützigen Einsatz im Volk. Frau X. und das Team wurden für ihre herausragenden Leistungen geehrt. Als Belohnung erhielten sie einen Geldpreis.

Nachdem Frau X. ihr 70. Lebensjahr erreicht hatte, hörte sie im Stadtrat auf und setzte sich zur Ruhe. Sie lebte weiterhin in der Zentral gelegenen Wohnung in Sinsheim die sie sich mit ihrem Ehemann vor 20 Jahren gekauft hatte.

Mit 80 erlitt Frau X. ihren ersten Schlaganfall. Nach der Behandlung im Krankenhaus wurde Frau X. in eine Rehabilitationsklinik nach Bad-Schönborn zur Rehabilitation verlegt. Frau X. erholte sich von dem Schlaganfall gut und ging in ihre Wohnung zurück.
Nach zwei Jahren hatte Frau X. ihren zweiten Schlaganfall. Diesmal war er schwerer und mit größere Folgen. Es folgte nun wieder die Behandlung im Krankenhaus. Doch diesmal wurde Frau X. danach in ein Altenheim verlegt. Es gefiel ihr nicht. „Die Umgebung war einfach nicht dieselbe“, berichtete Frau X. Nachdem ihr Sohn sie im Pflegeheim besuchte, entschied er, dass sich seine Mutter zu Hause in der gewohnten Umgebung wohler fühlen würde. Er organisierte den ambulanten Pflegedienst und eine ausländische Haushaltshilfe und half seiner Mutter nach Hause zu kommen.