» Fallbeispiel Polytoxikomanie, Borderline Syndrom

Entgiftung

Pplytoxikomanie, Borderline Syndrom und akute Suizidalität


Aufnahme
Patient M.M. wird am XY.XY.XYXY auf der Station S als Direktzugang aufgenommen. Herr M. geht in Begleitung zweier Polizeibeamten und stark alkoholisiert zu, ein Aufnahmegespräch ist zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Er kommt zur 6. Aufnahme, zuletzt aufgrund eines Suizidversuchs. Der 25 Jahre junge Mann muss aufgrund Fremdaggression mithilfe von vier Pflegekräften fixiert werden. Er bleibt über Nacht, zur ausnüchterung fixiert, entwickelt aber keinen Entzug. Den nächsten Tag gibt er sich freundlich, zeigt aber keine Einsicht warum er schon wieder hier wäre.


Woche 1

Herr M. hat Probleme sich auf der Station einzuleben. Er sagt die anderen Patienten machen ihn krank, er wäre doch völlig gesund, hätte doch nur ein kleines bisschen zu viel getrunken und dass man ihn deshalb nicht einsperren dürfe. Herr M. hat daher wenig Kontakt zu Mitpatienten und verbringt die meiste Zeit im Bett oder auf der Terasse,ist sonst aber freundlich und kooperativ. Er beharrt weiterhin darauf er sei doch jetzt schon entgiftet und möchte endlich entlassen werden.

Anamnese:

- Patient Herr M.M. 25 Jahre;
- Gelernter Kraftfahrzeugmechatroniker, seit drei Jahren ohne feste Anstellung;
- Keine Kontakte zu Verwandten;
- Ledig, kinderlos, lebt allein in der eigenen Wohnung;
Schlafverhalten :  M.M. hat keine Ein- oder Durchschlafstörungen, gibt an mit ausreichend Alkohol schlafe er immer gut;
Mobilität : M.M. ist selbstständig mobil, besitzt keinen Führerschein;
Istzustand : M.M. ist normal genährt, wirkt gepflegt und achtet auch auf Station auf sein äußeres; Hat alerdings keine eigene Kleidung dabei;
Sonstiges : M.M. ist allseits orientiert, wirkt geordnet und nimmt seine Umgebung voll wahr; Kommunikation ist gut möglich; Wirkt etwas antriebsgemindert;


Aufgrund Krankheitsuneinsicht und Rückfallgefahr, wird eine Unterbringung für 6 Wochen erwirkt, Polytoxikomanie, Borderline Syndrom und akute Suizidalität werden diagnostiziert.


Woche 2

Nachdem ihm seine Unterbringung mitgeteilt worden ist, wird er unzugänglich und unkooperativ. Herr M. ist diese Woche sehr leicht reizbar und neigt teilweise zu aggressivem Verhalten, Mitpatienten und Pflegepersonl gegenüber. Er zieht sich immer mehr in sein Zimmer zurück, wirkt gedrückt und Gespräche sind nicht mehr möglich. Donnerstag mittag kommt Fr. L. aufgeregt ins Stationszimmer und sagt " da verblutet einer ". Sie führt das Pflegepersonal ins Raucherzimmer, wo Hr. M. mit stark blutendem Arm am Boden sitzt. Er reagiert nicht auf Ansprache und wirkt geistig abwesend. Bei dem Versuch ihn in sein Zimmer zu begleiten, um ihn zu verbinden, fängt er auf halber Wegstrecke an um sich zu schlagen, wobei er einen Mitpatienten im Gesicht leicht verletzt. Daraufhin wird von der Station F5 Personal angefordert, um ihn zu fixieren. Herr M. wird dann von fünf Pflegern ins Bett geführt und fixiert, die Schnittwunden am rechten Unterarm werden gesäubert und verbunden, der Arzt wird informiert, welcher ihm dann 200ml Neurocil zur Beruhigung verordnet. Herr M. wird nach Erhalt des Medikaments langsam ruhiger und schläft bis zum morgen des nächsten durch. Der geschlagene Mitpatient trägt ein Hämatom unter dem linken Auge davon, sagt aber das verheilt schon wieder und dass es nicht so schlimm wäre, es bedarf keiner weiteren Behandlung. Eine Abfixierung konnte am nächsten Tag nicht erfolgen, da er weiterhin zu aggressiven Äußerugnen neigt und Suizidgedanken äußert. Samstag vormittag wird Herr M. abfixiert, nachdem er versprochen hatte sich oder anderen nichts anzutun und kooperativ zu sein. Das restliche Wochenende zeigt er sich von seiner besten Seite und hält sein Versprechen.


Woche 3

Dienstag bittet Herr M. den Arzt ihn mit zur Ergotherapie gehen zu lassen, er gibt an jetzt eingesehen zu haben, dass er etwas ändern muss, wird aber auf Mittwoch vertröstet. Im Einvernehmen mit dem Arzt geht er Mittwoch in die Ergotherapie, was ihn deutlich aufbaut. Herr M. bietet Freitag bei der Stationsrunde an die Küche zu übernehmen, ist freundlich und kooperativ. Auffallend ist der neuerdings gute Kontakt zu Herr S. (19 ), welcher Dienstag zuverlegt wurde. Die anderen Mitpatienten sieht er immer noch wie am Anfang und baut sonst wenig Kontakte auf. Ende der Woche fängt Herr M. an etwas überheblich zu werden und gibt zu vielen Situationen, die ihn nicht betreffen, Komentare ab.  Er macht jetzt die Küchenarbeit, geht in die Ergotherapie und möchte die nächste Woche in die Arbeitstherapie gehen. Die Schnittwunden der letzten Woche verheilen gut, er selbst gibt an momentan keine Suizidgedanken mehr zu haben  und sich davon zu distanzieren.


Woche 4

Da es Herr M. erlaubt wurde geht er diese Woche zur Arbeitstherapie in die Schreinerei, wasihm laut eigenen Aussagen gut tut und sichtlich zufriedener wirken lässt. Er besucht jetzt täglich von 07.45 Uhr bis 11.30 Uhr und von 14.00 bis 16.30 Uhr die Arbeitstherapie. Auf Station wirkt er ausgeglichen und macht den Eindruck sich wirklich ändern zu wollen. Im Gespräch mit Frau D., der Sozialpädagogin der Station, gibt er an er wäre bereit eine ambulante Therapie wegen seiner Alkoholproblematik zu machen. Auf seine Selbstverletzungen angespochen reagiert er abwehrend und meint das wäre nicht das Problem, auch die Suizidalität wäre schon lange aus dem Weg geräumt. Bei Visite am Donnerstag fragt er nach der Genehmigung eines Tagesurlaubs,um sich Kleidung von zuhause holen zu können. Dieser wird ihm jedoch wegen Rückfall- und Fluchtgefahr verwehrt. Er wird, bei weiterhin guter Führung auf das nächste Wochenende vertröstet.


Woche 5

Herr M. verhält sich auch diese Woche unauffällig, verrichtet ohne Aufforderung seine Küchenarbeit sehr zuverlässig und geht weiterhin in die Arbeitstherapie. Dienstag startet er einen erneuten Versuch Tagesurlaub zu erhalten, sagt er brauche doch nur Kleidung, da er nicht dauernd die Station anbetteln möchte. Er würde ja nur kurz heimfahren und wäre in ein paar Stunden wieder da. Aufgrund der doch recht guten Führung der letzten zwei Wochen wird ihm gewährt Donnerstag Nachmittag nach Hause zu fahren, mit der Auflage, bis spätestens 20.00 Uhr wieder zurück zu sein. Sein nachmittäglicher Besuch zu Hause verlief ohne uns bekannten Zwischenfälle. Herr M. verließ die Station um 14.20 Uhr und kehrte um 18.45 Uhr mit Kleidung und einigen anderen Utensilien zurück. Bei wiedereintreffen auf der Station wurde ein Alkoholtest durchgeführt, welcher negativ ausfiel  und auch seine Reisetasche, die durchsucht wurde wies keine Auffälligkeiten auf. Der am nächsten Tag entnommene Drogen Urin zeigte, ausser eines leicht erhöhten Benzodiazepinspiegels, welcher auf seine momentane Medikation zurückzuführen ist, keine Besonderheiten. Auch wirkte er sehr entspannt und glücklich, was über das gesammte Wochenende und die nächste Woche anhält.


Woche 6

Auf seine anhaltend gute Laune angesprochen erzählt Herr M. von seinem Tag zu Hause, dass er eine alte Freundin wiedertraf, die ihn noch nie nüchtern erlebte oder sah und ihm Komplimente gemacht hat. Mit der er beim Kaffee trinken war und die versprochen habe ihn zu besuchen, das alles habe seine Laune so sehr verbessert und jetzt wolle er erst recht schnell wieder zurück ins echte Leben. Mittwoch Nachmittag geht Herr M. nicht in die Arbeitstherapie, mit der Begründung Besuch von seiner "Schönheit ", wie er sie nennt,  zu erhalten. Diese, eine gute Freundin von ihm, wie sie sich uns vorstellt, kommt dann um drei Uhr auf Station um Herr M. zu sehen. Beide verbringen den Nachmittag unauffällig auf der Terasse und Herr M. wirkt abends wieder sehr glücklich. Donnerstag stellt er beim Arzt die Anfrage auf einen Urlaubstag am Samstag, da er sich mit seiner " Schönheit " treffen. Ihm wird dieser Ausgang nach sorgfältiger Überprüfung der neuesten Fakten auch gewährt, wieder mit der Auflage bis 20.00 Uhr zurück zu sein. Herr M. verlässt daraufhin Samstag morgen sehr gut gelaunt um 09.00 die Station und wünscht dem Pflegepersonal und den umstehenden Mitpatienten noch einen schönen Tag.
Samstag abend, bei der Anwesenheitskontrolle, fällt einer Schülerin auf dass Herr M. vom Tagesurlaub noch nicht zurück ist. der anwesende Fachpfleger meint, noch brauche man sich keine Sorgen machen, vielleicht hat er ja nur den Zug verpasst oder ähnliches und man solle noch bis 21.00 Uhr warten. Da Herr M. um 21.00 Uhr auch noch nicht da ist, wird die Polizei verständigt und alles weitere in die Wege geleitet um ihn wieder aufzufinden. Herr M. bleibt jedoch die ganze Nacht verschollen. Erst ein Anruf der Münchner Polizei Sonntag morgen um 08.00 Uhr gibt aufschluss über seinen Verbleib. Eine halbe Stunde später wird er von drei Polizisten gebracht, welche übergeben Herr M. habe die Nacht auf einer Baustelle, in einer Baggerschaufel verbracht und wäre dort glücklicherweise, aufgrund starkem Alkoholgeruchs, in der Früh von zwei Bauarbeitern gefunden worden. Herr M. ist zum Zeitpunkt des Eintreffens nicht in der Lage aufzustehen,( Er wurde bereits von den Beamten an den Armen und in Rückenlage, in den Aufzug hinein und auf Station wieder heraus, gezogen ) hatte am ganzen Körper Erde kleben und roch stark nach Alkohol gemischt mit Urin. Als allererstes wird Herr M. von zwei Pflegekräften, in einem Toilettenstuhl sitzend, geduscht, wobei er sich immer wieder den Kopf an den Wänden schlägt, da er das Gleichgewicht nicht halten kann. Währenddessen wird sein Bett mit Fixiergurten ausgestattet, vorsorglich zum Fremd- aber auch zum Eigenschutz. Ein Alkoholtest ist derzeit nicht möglich, da Herr M. dazu nicht in der Lage scheint, er wird daher direkt nach der Dusche ins Bett gebracht und fixiert. Den ganzen Sonntag macht Herr M. keine Anstalten sich zur Wehr zu setzen und schläft bis Montag morgen durch. Entzugszeichen entwickelt er keine.



Woche 7

Herr M. wacht Montag morgen um 9.00 Uhr auf und wirkt etwas delirant, er ist völlig desorientiert und fragt nur wo er sei und wer ihn da festhalte, sagt immer wieder er wolle nach Hause zu seiner " Schnecke " , die wäre doch völlig hilflos und allein. Er bekommt vom Pflegepersonal eine Urinflasche und wird aufgefordert seine Blase zu entleeren, was er dann auch tut. Der hieraus entnommene Drogen Urin Test weist keine Zeichen eines Drogenkonsums auf. Auch der Aufforderung einen Alkoholtest zu machen leistet er mit Erfolg folge. Dieser Test ergibt, dass er selbst jetzt ca. 24 Stunden nach dem Auffinden noch 0,863 Restpromille hat. Er bleibt aufgrund Fremd- und Eigenverletzungsgefahr den ganzen Tag fixiert und wird erst Dienstag morgen abfixiert. Dabei klagt er über Kopfschmerzen und dass seit Samstag abend "alles weg" ist und er sich an nichts mehr erinnern kann. Allgemein wirkt er heute wieder klarer, ist voll orientiert und zeigt erstaunliche Compliance, hingegen aller Erwartungen des Pflegepersonals. Nachmittags bittet er dann eine Schwester seines Vertrauens um ein Gespräch, in welchem er ihr erzählt, dass seine Freundin ihn sitzen gelassen hat und er deswegen so deprimiert gewesen ist dass er getrunken hat und sich dann umbringen wollte, dies aber wegen des Alkoholpegels nicht geschafft habe. Er sagt auch er wäre einerseits froh wieder hier zu sein, andrerseits meint er wäre er tot doch besser dran, da müsste er sich nicht mehr mit Gefühlen rumplagen. Auf Anordnung des Arztes hat Herr M. am Freitag eine richterliche Anhörung, bei der er wegen akuter Suizidalität und Rückfallgefahr einen Beschluss über zwei Jahre geschlossene Unterbringung erhält. Der Beschluss bestürzt ihn sehr, da er nicht einsieht warum er wegen eines Rückfalls jetzt zwei Jahre weggesperrt wird, jetzt wo er sich doch so sehr gebessert hat und neuen Mut hatte. Er zeigt sich ähnlich wie zu Anfang seines Aufenthalts, zieht sich zurück, ist zwar noch koopeativ, weicht jedoch jedem Gespräch oder Kontaktversuch aus und unterhält sich ausschließlich noch mit Herr S., welcher dem Pflegepersonal aber keine Auskunft über den derzeitigen Gemütszustandes von Herr M. gibt.


Woche 8

Herr M. kapselt sich das ganze Wochenende sowie die folgende Woche immer mehr ab, nimmt an keiner Aktivität tei, sitzt viel im Zimmer und redet, ausser mit Herr M. mit niemandem mehr. Er befolgt jede Anweisung ohne Komentar und reagiert auf direkte Ansprache nur mit starrem, gleichgültig wirkendem Blick. Wegen erneuter Selbstverletzungsgefahr, wie in naher Vergangenheit wird eine genaue Überwachung angeordnet.

Ziel für eine Verlegung ist, nach Stabilisation der depressiven Phase und Medikamenteneistellung, eine Verlegung ins Ehrkoheim in Neumarkt St. Veit, wo er bereits angemeldet ist.